Prof. Dr. med. Ute Thyen (Oberärztin)

Die Sozialpädiatrie und Jugendmedizin versteht sich als Querschnitts- und Schnittstellenfach und ist eng vernetzt mit den Bereichen Gesundheitsförderung, Prävention, Rehabilitation, Public Health und Pflegewissenschaften.
Hauptziele und Inhalte des Faches sind:

  • Förderung der gesunden Entwicklung aller Kinder und Jugendlicher durch geeignete Präventionsmaßnahmen
  • Verbesserung der gesundheitlichen und sozialen Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen und ihrer Familien
  • Anwaltschaft für die Belange von Familien mit Kindern in der Gesellschaft
  • Stärkung und Unterstützung von Kinder und Jugendlichen mit sozialer Benachteiligung, chronischer Erkrankung, Behinderung, Entwicklungsstörung oder besonderen gesundheitlichen Bedürfnissen und ihrer Familien durch individuelle Diagnostik, Beratung, Förderung, Therapie, Nachsorge und Rehabilitation im Rahmen eines interdisziplinären Behandlungskonzeptes
  • Förderung der Forschung, Lehre und Fort- und Weiterbildung in Sozialpädiatrie und Jugendmedizin, Öffentlichem Gesundheitsdienst und Kinderrehabilitation
  • Initiativen zur Verbesserung der interdisziplinären Vernetzung im Gesundheitswesen und zwischen den verschiedenen Gesundheitswissenschaften

Mitarbeiter des Instituts:

  • Prof. Dr. med. Ute Thyen (Sprecherin)
  • Esther Müller-Godeffroy, Dipl. Psych. (Wissenschaftliche Mitarbeiterin)
  • Christiane Prüßmann, Dipl. Psych (Wissenschaftliche Mitarbeiterin)
  • Sabine Brehm (Medizinische Dokumentarin)
  • Dr. Marion Rapp (Ärztin, SPARCLE Studie)
  • Dr. Nele Stahlmann (Ärztin, Frühgebornen Studie, z.Zt. Elternzeit)
  • Simona Mahncke (Ärztin, Frühgebornenstudie)
  • Dr. Ingo Menrath (Arzt, Prima Schule Studie)

Schwerpunkte im Bereich der Forschung
An der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Lübeck hat sich in den vergangenen 10 Jahren unter der Leitung von Prof. Dr. med. Ute Thyen ein Forschungsschwerpunkt im Bereich Sozialpädiatrie und Lebensqualitätsforschung im Kindes- und Jugendalter herausgebildet. Die zentrale Fragestellung zielt auf Ressourcen und Risiken für die kindliche Entwicklung und der Frage nach geeigneten Interventionen, um Risiken zu minimieren, Ressourcen zu stärken und die uneingeschränkte gesellschaftliche Teilhabe zu sichern. Die Arbeitsebenen umfassen die bevölkerungsbezogenen Erfassung von Eckpunkten zur Kinder- und Jugendgesundheit und der Verknüpfung mit sozialen Lebenslagen in Schleswig-Holstein im Rahmen der Gesundheitsberichterstattung. Seit dem Jahr 2000 ist die Gruppe mit der wissenschaftlichen Begleitung und Auswertung der schulärztlichen Untersuchungen betraut. (vgl. www.kinderklinik-luebeck.de, Bereiche: Sozialpädiatrie/ Gesundheitsberichterstattung). Von 2002-2008 war die Arbeitsgruppenleiterin Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirates des KiGGS und hat das Robert-Koch-Institut bei der Planung, Durchführung und Auswertung des Kinder- und Jugendsurveys (www.kiggs.de) unterstützt. Aufgrund der Expertise in den Gesundheitswissenschaften für Kinder und Jugendliche ist sie in den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer berufen worden.

Zukünftige wissenschaftliche Themen werden sich im Bereich dieser bisherigen Forschungsfelder bewegen, wobei es in der momentanen gesundheitspolitischen Diskussion vorrangig erscheint, verstärkt klinische Studien zur Überprüfung der Wirksamkeit und Kostenökonomie von Therapieverfahren, Beratungs- und Schulungsangeboten und die Weiterentwicklung solcher Versorgungsangebote durchzuführen.
Die Verknüpfung von medizinischen Fragestellungen mit der Lebenswelt von Familien und sozialen Kontextfaktoren sind dabei eine wichtige Voraussetzung, um valide Erkenntnisse zu gewinnen. Es erscheint erforderlich, insbesondere auch Zugangswege und Durchführbarkeit von Therapieangeboten und die dafür verantwortlichen Faktoren zu überprüfen. In jedem Fall wird in der Konzeption für weitere wissenschaftliche Arbeiten das bio-psycho-soziale Modell der WHO zugrunde gelegt, das in der International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) seinen Niederschlag gefunden hat.
Die Arbeitsgruppe untersuchte sowohl Aspekte der Lebensqualität von Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern, die familiären Belastungen, Versorgungsbedürfnisse sowie die Auswirkungen von Schulungsmaßnahmen.
Alle Mitarbeiter/innen der Arbeitsgruppe haben an Fortbildungen in evidenzbasierter Medizin, Methoden klinischer Forschung und epidemiologischer Grundlagen teilgenommen. Die Arbeitsgruppe hat weitreichende Erfahrungen in der Durchführung multizentrischer, interdisziplinärer Forschungsprojekte.

Im Rahmen der EU-geförderten Studie DISABKIDS (www.disabkids.de) wurden multilinguale Fragebögen zur Lebensqualität und Versorgungszufriedenheit und gesellschaftlichen Teilhabe von Kindern mit chronischen Krankheiten und Behinderungen entwickelt. Ein Folgeprojekt gemeinsam mit der Hamburger Arbeitsgruppe um Frau prof. Dr. phil. Ulrike Ravens-Sieberer zum klinischen Einsatz von Lebensqualitätsassessments ist beantragt. Die Arbeitsgruppe beteiligt sich an einem weiteren EU-Projekt zur Lebensqualität und Teilhabe von Kinder mit Zerebralparese SPARCLE (www.zerebralparese-studie.de), das nun bereits in der zweiten Welle die Jugendlichen im Alter von 12-16 Jahren unter Leitung von Frau Dr. Marion Rapp nachuntersucht. Lebensqualität und Versorgungsqualität waren ebenfalls Schwerpunkt der Nachuntersuchung von extrem kleinen Frühgeborenen mit einem Gestationsalter von weniger als 27 Schwangerschaftswochen unter der Leitung von Frau Dr. Marion Rapp und Frau Dr. Nele Stahlmann (vlbw.info/presse.html). Ein zukünftiger Forschungsschwerpunkt wird im Bereich der Angemessenheit, Qualität und Zugang zu Fördermaßnahmen und Heilmittel für junge Kinder mit Entwicklungsauffälligkeiten liegen.

Auf die besondere Problematik von Kindern und Jugendlichen mit seltenen Erkrankungen im versorgungsmedizinischen Bereich bezog sich insbesondere die Darstellung diagnosespezifischer Belastungen z.B. bei Spina bifida, Epilepsie, CP, neuromuskulären Erkrankungen aber auch angeborenen Störungen der Geschlechtsentwicklung. In diesem interdisziplinären Forschungsgebiet gemeinsam mit der pädiatrischen Endokrinologie, der Kinderchirurgie und den Sexualwissenschaften ging es auch insbesondere um typische und untypische Verläufe der psychosexuellen Entwicklung. Eine Förderung in diesem Bereich erfolgte durch die DFG und das BMBF (www.netzwerk-is.de). Eine multizentrische Studie zu Versorgungsangeboten, Langzeitoutcome und Behandlungszufriedenheit bei Anorexia nervosa wird von der AG Psychosomatik der Klinik und drei weiteren Behandlungszentren in Norddeutschland unterstützt.

Ein besonderer Schwerpunkt der Klinik sind Projekte zur tertiären Prävention (individuelle Rehabilitation) im Rahmen von Gruppenschulungen bei Adipositas, Epilepsie und Diabetes bei Kindern und Jugendlichen. Im Rahmen des Kompetenznetzes Patientenschulungen (www.compnet-schulung.de) leistet die AG einen Beitrag zur Entwicklung und Evaluation von Schulungen bei weniger häufigen chronischen Erkrankungen. In besonderer Weise kann sich die AG im Bereich der Epilepsieschulung einbringen, da an der Klinik die erste Epilepsieschulung für Kinder und Jugendliche mit Epilepsie entwickelt und wissenschaftlich evaluiert wurde (www.epilepsieschulung.de). Es besteht eine Kooperation mit dem Institut für Psychologie der Universität Greifswald, um ein Schulungsmodul für Jugendliche an der Schwelle zum Erwachsenenalter (Transition), das Selbstwirksamkeit und Autonomie stärken soll. Im primär und sekundär präventiven Bereich beschäftigt sich die Arbeitsgruppe besonders mit der Wirksamkeit von Präventionsprogrammen für Schülerinnen und Schüler, die soziale Benachteiligung erleben (www.prima-schule.de).

Ein weiterer Themenschwerpunkt ist der Kinderschutz, sowohl auf lokaler (Kinderschutzgruppe der Klinik; Leitung des Kuratorium Kinderschutz-Zentrum Lübeck), regionaler (Mitglied der Expertenkommission der Landesregierung zur Erstellung des Landeskinderschutzberichtes 2009) und nationaler Ebene (Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirates des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen www.fruehe-hilfen.de). Ein durch die Kroschke-Stiftung für Kinder gefördertes Projekt zur „Frühen Hilfen von Anfang an - Neue Wege gehen“ erfolgt in enger Kooperation der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe und der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin (Neonatologie) (www.kinderstiftung.de/projekte/kinderschutz.html).

Klinische Angebote
An der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein wurde ab dem 1. April 2008 ein Sozialpädiatrisches Zentrum eröffnet. Dort arbeitet ambulant ein interdisziplinäres Team, das Kindern und Jugendlichen mit Teilhabestörungen ein entsprechendes diagnostisches und in geringerem Umfang auch therapeutisches Angebot machen kann. Die Untersuchung und Beratung erfolgt auf Überweisung durch niedergelassene Kinder- und Jugendärzt/innen (www.spz-luebeck.de). Im Rahmen der integrierten stationären sozial- und neuropädiatrischen Behandlungen können Komplexleistungen über 4 bis 10 Tage angeboten werden.

Lehre
Das Thema Sozialpädiatrie und Jugendmedizin wird in Lübeck bereits in Seminarform und durch praktischen Unterricht im Praktikum Kinder- und Jugendmedizin unterrichtet und sowohl in der Propädeutik-Vorlesung im 3. Studienjahr als auch in der Hauptvorlesung Pädiatrie unterrichtet. Weiterhin wird regelmäßig das Wahlfach Sozialpädiatrie und Entwicklungsneurologie angeboten und eine Gruppe von Doktorand/innen fortlaufend betreut.

Die Arbeitsgruppenleiterin und die Psychologin Frau Schmid nehmen als Mentorinnen am Mentorenprogramm der Medizinischen Fakultät zu Lübeck seit 2004 kontinuierlich teil. Bei diesem Programm handelt es sich um die Betreuung einer gemischten Gruppe von Studierenden aus allen klinischen Semestern, die sich gegenseitig mit Informationen und Ratschlägen unterstützen, durch gemeinsame Aktivitäten die Kultur und Geschichte des Studienortes kennenlernen und im Austausch mit der Menorin Angelegenheiten des Studiums, des Gesundheitswesens, persönliche Karrierewünsche und Projektideen diskutieren.

Die AG Leiterin ist verantwortlich für ein bundesweit innovatives Lehrprojekt in Kooperation mit dem Studiendekanat (zuständig Frau Tina Hallfahrt). Das Sozialpraktikum ist eine Alternative zum Pflegepraktikum für Medizinstudierenden durch Mitarbeit in sozialen Einrichtungen. In Abstimmung mit dem Landesprüfungsamt können 4 Wochen des vorgeschriebenen Pflegepraktikums durch die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin bescheinigt werden, wenn entsprechende Zeiträume in einer sozialen Einrichtung in der Arbeit mit Kindern und Familien abgeleistet wurden. Das Programm dienst dazu, Studierende frühzeitig mit den vielfältigen und zum teil belasteten Lebenswelten von Familien mit Kindern vertraut zu machen.